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Von Michael Kröger
Möglicherweise hat sich der Journalist bei diesem Artikel ausschließlich auf die Angaben des Insolvenzverwalters gestützt. Er zeugt jedenfalls davon, wie wenig recherchiert wird und welch falsche Vorstellungen exisitieren. Deshalb haben wir den Artikel einmal kommentiert (so eingerückt und kursiv wie dieser Absatz). Die Kommentare beziehen sich auf wenige Kernaussagen und sollten nicht den Schluss zulassen, dass alles andere völlig korrekt ist.
In Brand werden in diesen Tagen die Überreste des gescheiterten Luftschiffbauers CargoLifter versteigert. Interessenten sind erstaunt: Inventar, Werkzeuge und Maschinen sind zum größten Teil unbenutzt. Wurde bei CargoLifter jemals gearbeitet?
Brand - Position 3200 im Versteigerungskatalog war die Überraschung des Tages. Joey. Kaum einer hatte erwartet, dass sich jemand für das kleine Frachtluftschiff von CargoLifter interessieren würde. Doch dann gab's sogar für einige Sekunden so etwas wie ein Bieterduell. 10.000 Euro, 12.500, 13.500 - zum ersten, zum zweiten, zum Dritten. Den Zuschlag erhielt Philip Yiin, Chef der Malaiischen Airship Group.
Joey ist bestimmt kein Frachtluftschiff. Es wurde für die Validierung der Software für die Flugeigenschaften und für die Zulassung als Luftschiffbetrieb benötigt.
Er wisse noch nicht, was sein Unternehmen mit dem Luftschiff machen werde, sagte Yiin anschließend in gebrochenem Englisch, "will see".
Joey (Katalogbeschreibung: Versuchsluftschiff mit Zubehör, unvollständig. Verpackt in zwei Seecontainern je 40 Fuß) verkörpert den Traum des gescheiterten Luftschiffbauers wie kein anderes Angebot. Der überdimensionale Luftballon sollte als Ausweis dafür dienen, was dereinst möglich werden würde im brandenburgischen Brand.
Gleich serienweise Luftschiffe sollten hier montiert werden, zukunftsweisende Lastenträger, die jedes erdenkliche Transportproblem auf dieser Welt lösen könnten. Doch am Ende erwiesen sich die kühnen Träume als Seifenblase. Zurück blieben rund 120 Millionen Euro Schulden, im Juni meldete CargoLifter Insolvenz an.
„Jegliches erdenkliche Transportproblem“, so eine unqualifizierte Bemerkung sollte man eigentlich nicht erwarten. Die Schulden bei Lieferanten beliefen sich übrigens zum Zeitpunkt der Insolvenz auf ca. 20 Millionen Euro. Näheres dazu können Sie in diesem Statement lesen.
Einen Teil der Schulden versucht Insolvenzversteigerer Christoph Sattler in diesen Tagen durch den Verkauf des Inventars hereinzuholen. Rund 8000 Gegenstände stehen zum Verkauf: Handwerkszeug Schweißtechnik und Fahrzeuge am Mittwoch, Messgeräte, Datenumwandler oder ganze Paletten mit Kabeln an diesem Donnerstag - und eben Joey.
Viele von den zum Verkauf stehenden Gegenständen sind noch im Neuzustand. Ein großer Luftfilter mit Gebläse etwa oder eine Schwerlast-Seilwinde sind noch original verpackt, an einer Kunststofffräse ist noch kein einziger Span zu sehen. Genauso unbenutzt sehen die Schreibtische vom Nobeldesigner Vitra aus, die in abgesteckten Arealen in der riesigen CargoLifter-Halle herumstehen. Stapelweise Arne-Jacobsen-Stühle in Schwarz und leuchtend Gelb tragen allenfalls den Staub der Lagerräume, in denen sie bislang gestanden haben. Nun werden sie en gros verramscht.
"Die CargoLifter AG war einfach ein potemkinsches Dorf", sagte Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning. 600 Menschen seien in Brand angestellt gewesen, aber wirklich geforscht und entwickelt habe nur eine kleine Kernmannschaft. "Ich kann mir nicht erklären, was die anderen den ganzen Tag über gemacht haben".
Nun, hochwertige Schreibtische, an denen Computerarbeitsplätze standen, sollten nach zwei Jahren vielleicht doch noch ziemlich gut aussehen. Wenn dort nicht gearbeitet wurde, was hat dann Dr. Schneider im Auftrag des Insolvenzverwalters monatelang für Ergebnisse gesichert? Warum hat der Insolvenzverwalter extra eine GmbH zur Verwertung dieser Ergebnisse gegründet?
Bei CargoLifter arbeiteten maximal 498 Mitarbeiter, darunter einige nicht in Brand.
Von chaotischen Zuständen innerhalb der Firma hatten Angestellte schon berichtet, als CargoLifter-Chef Carl von Gablenz noch von großartigen Fortschritten sprach. Junge Ingenieure konstruierten ohne jede Systematik vor sich hin, und produzierten Tausende Ideen, aber nie fiel eine Entscheidung. Jeder Manager trieb isoliert von den anderen sein "Projekt" voran.
"Wir haben bis zum Schluss nicht gewusst, wie das Luftschiff aussehen und funktionieren soll", sagte ein Mitarbeiter damals gegenüber der "Welt". Die Projektmanager hätten ohne Budget arbeiten müssen. "Es wurde immer gesagt: tun Sie so, als hätten Sie eines."
Nicht einmal die Luftschiffe Joey und sein größerer Bruder Charly sollen in den Ingenieurbüros in Brand entstanden sein. Joey, so heißt es, stammt vor allem von Studenten der Universität Stuttgart. Charly kaufte Gablenz in England bei Airship Operations, behaupten Mitarbeiter. Dort sei es von CargoLifter-Leuten zusammengebaut worden.
Die gesamte Joey-Entwicklungsmannschaft, die schon an der Uni Stuttgart von CargoLifter unterstützt wurde, hat dann bei CargoLifter gearbeitet. Ein schönes Beispiel für eine Zusammenarbeit von Universität und Industrie.
Charly ist ein Luftschiff, dass man jederzeit bei der Herstellerfirma bestellen und kaufen kann - sozusagen aus dem Katalog (SkyShip 600 von Global Skyship Industries Inc.). Niemand hat jemals irgend etwas anderes gesagt. Das Mitarbeiter von CL am Zusammenbau beteiligt waren ist richtig. Sie sollten ja schließlich daran ausgebildet werden. Sowohl die Bodencrew als auch Techniker und Piloten.
Statt Entwicklung lief das Marketing auf Hochtouren - eine Kampagne für ein Produkt, das es nicht gab. In himmelblauen Prospekten mit der Aufschrift "be part of it" wurden Krawatten, Manschettenknöpfe, Uhren, Tassen und T-Shirts mit dem Firmenlogo angepriesen.
Jetzt dienen die unbenutzten Maschinen als Beleg dafür, was Gablenz immer als üble Nachrede abtat. Und hinter den futuristischen Bürocontainern (Smarties genannt und unter Position 2559 bis 2571 im Katalog) liegen hunderte großformatiger Kalender mit Hochglanzfotos aus der Aufbauzeit.
Ob hier nicht die üble Nachrede weiter geführt wird?
Während die Kataloge wohl zum Altpapier wandern, bringen die Geräte wenigstens noch ein bisschen Geld ein. Als Sattler an diesem Tag den Hammer zum letzten Mal fallen lässt, hat er insgesamt 130.000 Euro erlöst, 50.000 mehr als der Gutachter des Insolvenzverwalters angesetzt hatte. Eine Versteigerung ohne nennenswerte Komplikationen sagt Sattler, zumal der schwierigste Verkauf bereits im August über die Bühne gegangen war.
Charly hatte immerhin noch 130.000 Euro eingebracht, obwohl er seinem Besitzer wohl noch einige Probleme bereiten dürfte. Viele Bauteile benötigen längst eine Neuabnahme durch die Flugüberwachung. Die Hülle muss Tag und Nacht bewacht werden, damit eventuell austretendes Helium nicht zu einer Katastrophe führt. Insgesamt, so schätzt Gutachter Josef Goebbelet, werden noch Investitionen in Höhe von mindestens 450.000 Euro fällig.
Hier ist es sehr interessant zu wissen, dass dieselbe Firma (SkyCruise, Schweiz), die den Charly jetzt für 130.000 Euro gekauft hat (ein Schnäppchen sozusagen), diesen schon einmal kaufen wollte - für 1,4 Millionen Euro. Zu diesem Kauf waren Firmenvertreter im April 2003 vereinbarungsgemäß angereist. Sie wurden vom Insolvenzverwalter abgewiesen, da er das Schiff schon für angebliche 400.000 Euro an die Firma Lion Monaco verkauft hätte. Diese zahlte jedoch nicht.
Noch ungewisser scheint das Schicksal von Joey. Hier fehlen noch wichtige Teile, damit das Luftschiff überhaupt fahren kann, von der Fluggenehmigung durch die Behörden ganz zu schweigen.
Joey war genehmigt und flog. Da es jetzt in Malysia ist, kann man diese Bemerkung hier schwer verstehen.
Der Rest wird sich am Samstag und in der folgenden Woche wohl noch zu einem guten Preis absetzen lassen, gibt sich Sattler zuversichtlich. Dass an diesem Donnerstag nur 150 Interessenten zwischen den rund 5000 aufgestellten Stühlen herumtrödelten, irritiert ihn nicht. "Heute war der Tag der Spezialisten", sagt Sattler. Stimmt - wer braucht schon ein 2-Kanal-Megazoom-Oszilloskop.
Insgesamt sei das Interesse aber riesengroß, sagt Sattler, nachdem der letzte Hammer an diesem Tag gefallen ist. "Immerhin haben sich fast 28.000 Nutzer den Katalog aus dem Internet herunter geladen". Den großen Schwung erwarte er sowieso erst für Samstag. Dann nämlich werden Schreibtische und Personal Computer versteigert.